Mittwoch, 6. März 2013

In Kooperation mit der Reihe "Stationen der Filmgeschichte" zeigte das "Paul Spiegel Filmfestival - Jüdische Welten" am gestrigen Abend Ernst Lubitschs Anti-Nazi-Komödie "Sein oder Nichtsein" von 1942 in der Black Box. In dem Film gelingt es einer Gruppe polnischer Schauspieler, die nationalsozialistischen Besatzer Warschaus auszutricksen, um den polnischen Widerstand vor der Zerschlagung zu retten. Selbst getarnt als Nazis schaffen es die Schauspieler den Repressionen zu entgehen und die Nazis selbst vorzuführen. Zuvor führte der Kurator des Festivals, Tobias Ebbrecht, in die zeit- und filmhistorischen Hintergründe des Films ein. Wir dokumentieren an dieser Stelle seine Einführung.



Hollywood und die Nazis
Von Dr. Tobias Ebbrecht

Vor etwas mehr als einer Woche hat der österreichische Schauspieler Christoph Waltz zum zweiten Mal einen Oscar für seine Schauspielkunst erhalten, dieses Mal für die Rolle des aus Düsseldorf stammenden Dr. King Schulz in Quentin Tarantinos Spagetti-Western-Hommage DJANGO UNCHAINED. Ein deutschsprachiger Schauspieler in Hollywood spielt einen deutschen Einwanderer im wilden Westen. Ein altbekanntes Rezept, laden doch der jeweilige Akzent aber auch die Kenntnis von Eigenarten und Verhaltensweisen die Darstellung mit einem spezifischen Authentizitätsversprechen auf. Das war bei Waltz' erster mit dem Oscar gekrönten Rolle nicht anders. Dafür hatte er eine außerordentliche Interpretation des Nazioffiziers Hans Landa in Tarantinos Anti-Nazifilm INGLOURIOUS BASTERDS vorgelegt. Auch damit stellte sich Waltz in eine lange Tradition in Hollywood, Rollen von Nazis mit Schauspielern aus Deutschland zu besetzen.
Die Faszination an Nazis und Deutschen scheint also in Hollywood, zumindest bei Tarantino, ungebrochen, die Bedingungen, unter denen ein Star wie Waltz heute arbeiten kann, sind jedoch kaum vergleichbar mit jenen, unter denen die ersten Filme gegen Nazis gedreht wurden. Dabei waren die Rollenverteilungen ähnlich. Traten in diesen Filmen Nazifiguren auf, konnte man sicher sein, dass sie von einem deutschsprachigen Schauspieler verkörpert wurden. Doch in den seltensten Fällen handelte es sich um Stars, die mit Preisen überschüttet und hohen Gagen aus Europa nach Amerika gelockt wurden. Vielmehr kamen die Schauspieler als Flüchtlinge, die meistens nicht mehr besaßen, als ihren Namen (den sie dann auch noch amerikanisieren mussten) und die Erinnerung an Erfolge im Film oder Theater vor ihrer Vertreibung aus Nazideutschland.
Für diese zumeist jüdischen Flüchtlinge waren die in Hollywood produzierten Anti-Nazi-Filme Fluch und Segen zugleich. Einerseits boten diese Produktionen Arbeitsmöglichkeiten und eine Plattform, um die nationalsozialistischen Gegner mit filmischen Mitteln zu bekämpfen. Andererseits mussten sie dafür aber in die Rolle dieser verhassten Feinde schlüpfen und sie wurden für die Zukunft festgelegt auf die Figur der hässlichen Deutschen mit gebrochenem Englisch.
Hollywoods Kampf gegen Nazideutschland wurde auch nicht so intensiv geführt, wie man vielleicht angesichts der hohen Zahl von Flüchtlingen, die in der amerikanischen Filmmetropole Zuflucht suchten, denken konnte. Bis zum Kriegseintritt Ende 1941 gab es noch wirtschaftliche Beziehungen zwischen beiden Ländern und für Hollywood war das "Deutsche Reich" ein wichtiger Absatzmarkt für die eigenen Produktionen. Angesichts antisemitischer Anfeindungen, auch in Amerika selbst, scheuten sich die Produzenten, zu deutlich für die geschundenen Juden in Europa Partei zu ergreifen. Die amerikanische Nazibewegung war nicht gerade klein und es gab ein weitverbreitetes Vorurteil, dass die Juden in Hollywood das Sagen hätten, welches man nicht durch politische Kampagnen schüren wollte.
Also hielten sich viele zunächst politisch bedeckt. Eine Ausnahme auf diesem Gebiet waren damals schon die Warner Brothers. Mit ihrer Produktionsfirma begannen die polnisch-jüdischen Einwanderer Harry und Jack Warner bereits in den 30er Jahren, nur ein Jahr nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten, eine Kampagne, um die Amerikaner auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die von den Nazis ausgingen. Die Umsetzung von Filmen mit dieser Stoßrichtung war allerdings schwierig. Im August 1935 verabschiedeten die USA ein Neutralitätsgesetz und das Außenministerium versuchte Spielfilmvorhaben zu verhindern, die Konflikte im Ausland zum Thema hatten. Dennoch produzierten die Warner Brothers bis in die frühen vierziger Jahre eine Reihe von Anti-Nazi-Filmen, deren Ziel es war, zum Hinsehen zu motivieren. Neben der Wahrheit über die Intentionen der Nazis in Europa war es den Warner Brothers in ihren Filmen immer auch besonders daran gelegen, die Nazistrukturen in den USA zu thematisieren. In BLACK LEGION (1937) stand eine dem KuKluxKlan nahestehende rassistische Geheimorganisation im Zentrum der Handlung. In CONFESSIONS OF A NAZY SPY (1939) schließlich wurden die Nazis in den USA und Europa direkt zum Gegenstand eines Films, der Spionageaktivitäten, Propaganda und Terrorpläne von Naziorganisationen  thematisierte. Ist der erste Teil des Films noch eine reportagehaft anmutende Chronologie von Naziaktivitäten, wandelt sich der Film immer mehr zum Gangsterfilm, insbesondere nachdem mit Edward G. Robinson ein bekannter Star des US-Kinos auftritt. Aber in Nebenrollen sind auch mehrere deutschsprachige Emigranten zu sehen. Unter dem amerikanisierten Pseudonym John Voigt spielt beispielsweise Wolfgang Zilzer einen geständigen Naziagenten, der von seinen Parteifreunden nach Deutschland verschleppt wird. Zilzer, aus Deutschland geflohener Jude, erinnerte sich später: "Ich hatte keine Wahl. Wenn ich mal was anderes spielen wollte, war das von vornherein entwertet, weil die Leute dachten, das ist doch der Nazi...". Andere Emigranten nahmen das Rollenprofil für sich an und professionalisierten es. So ist der deutsche Antifaschist Martin Kosleck in CONFESSIONS OF A NAZY SPY erstmals als Propagandaminister Joseph Goebbels zu sehen. Später spielte er die Rolle auch in THE HITLER GANG (1944), was die Variety zu der Schlagzeile veranlasste: "It's Kosleck Again - Goebbels This Time". Insgesamt porträtierte Kosleck den Propagandaminister fünf Mal und spielte auch vielfach SS-Männer und KZ-Wärter.
Auch der Regisseur des Films, Anatole Litvak, war wie viele seiner Kollegen, ein Emigrant. In Kiew als Kind einer jüdischen Familie geboren, war Litvak zunächst in Deutschland als Regisseur tätig, bevor er vor den Nazis über Frankreich in die USA fliehen musste.
Andere waren bereits vor dem Aufstieg von Faschismus und Nationalsozialismus in die USA gekommen und engagierten sich nun in Anti-Nazi-Filmprojekten. So beispielsweise Michael Curtiz, der aus einer jüdischen Familie in Budapest stammte und seit 1926 in Amerika arbeitete. Curtiz drehte den wohl bekanntesten Anti-Nazi-Film CASABLANCA (1942) mit Humphrey Bogart. Auch dieser Film war ein Sammelbecken für deutschsprachige Flüchtlinge und Emigranten, doch dieses Mal konnten sie teilweise auch ihr eigenes Schicksal verkörpern. Unvergessen die kleineren und größeren Nebenrollen, besetzt mit Flüchtlingen, die Flüchtlinge in Rick's Bar in Casablanca spielen. Eindrucksvoll auch die Performance des deutschen Emigranten Peter Lorre, der die existentielle Verzweiflung bewegend in Szene setzte. Ebenfalls eine nachhaltige Inszenierung stellte Conrad Veidts Interpretation des deutschen Major Heinrich Strasser da. Veidt, selbst Emigrant aus Nazi-Deutschland, legte mit dieser Rolle den prototypischen Hollywood-Nazi vor.
1943 thematisierten dann gleich drei amerikanische Filme das wenige Monate zuvor breit rezipierte Attentat auf den deutschen Chef des Reichssicherheitshauptamtes Reinhardt Heydrich in Prag und die anschließende deutsche Vergeltungsaktion, die in der Vernichtung des tschechischen Dorfes Lidice und der Ermordung und Verschleppung seiner Einwohner gipfelte. Unter dem Titel HANGMEN ALSO DIE! legte der große deutsche Regisseur Fritz Lang seine filmische Interpretation der Ereignisse vor. Lang, selbst kein Jude, hatte trotz weitgehender Offerten von Goebbels aus Deutschland verlassen und konnte in den USA an seine internationalen Erfolge aus dem Weimarer Kino anknüpfen. Für HANGMAN ALSO DIE! arbeitete er mit einem anderen bekannten nicht-jüdischen Emigranten in Hollywood zusammen, dem Dramatiker und Lyriker Bertolt Brecht, der das Drehbuch zu dem Film schrieb. Mit dem Komponisten Hans Eisler beteiligte sich schließlich ein weiterer (dieses Mal jüdischer) Emigrant an dem Projekt eines Anti-Nazi-Thrillers, das auch zahlreiche aus Deutschland emigrierte Schauspieler vereinte, beispielsweise Reinhold Schünzel als sadistischem Gestapo-Inspektor und den Theaterschauspieler Alexander Granach.
Zwei Anti-Nazi-Filme stechen aus der Reihe von Versuchen, die amerikanische Öffentlichkeit von der Notwendigkeit des Kampfes gegen Nazideutschland zu überzeugen, heraus, weil sie sich weniger der damals in Hollywood erfolgreichen Genres des Gangsterfilms und des Thrillers bedienen, um die Nazis zu charakterisieren und das Publikum anzusprechen, sondern der Form der Komödie bzw. Satire. Der eine Film entstand erstaunlicher Weise bereits 1940, also noch vor dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten. Er war Produkt eines einzelnen Mannes und seines Willens, diesen Film gegen alle Widerstände zu realisieren. Der berühmte Charlie Chaplin, von der Nazipropaganda als Ebenbild des jüdischen Hollywoods angefeindet (obwohl er überhaupt kein Jude war), legte mit THE GREAT DICTATOR eine bis heute gültige Interpretation des Nazi-Führers vor, die von präzisen Studien von Hitler, seinem Sprachgestus und seinem Verhalten zeugt, die Chaplin vor allem durch das genaue Studium von Nazi-Wochenschauen erlangte. Chaplin verlacht in seinem Film nicht den Nazi Terror und nicht dessen Opfer. Er verlacht die Nazis und kehrt damit die Strukturen des Naziregimes nach außen. THE GREAT DICTATOR zeigt aber auch die Grenzen des Lachens angesichts des Grauens. Am Ende kippt der Film zunächst ins Melodramatische und wird dann zu einer direkten Ansprache des Publikums, die an die humanistischen Werte und die Liebe zur Freiheit appelliert. Wie viele Anti-Nazi-Filme ist auch THE GREAT DICTATOR mehr als nur ein Film. Er ist eine filmkünstlerische Waffe in einem Kampf, der unerbittlich an vielen Fronten ausgetragen wird. Nach dem Krieg erklärte Chaplin, dass er den Film niemals hätte machen können, wenn er über das Ausmaß der deutschen Verbrechen an den Juden damals schon Bescheid gewusst hätte.
Ein gutes Sinnbild für diesen Kampf an vielen Fronten fand der aus Deutschland stammende Regisseur Ernst Lubitsch, als Sohn jüdischer Eltern 1892 in Berlin geboren. Lubitsch siedelt seine Anti-Nazi-Satire TO BE OR NOT TO BE (1942) im Milieu des Theaters an. Damit thematisiert er einerseits die "Trennungslinie zwischen Bühne und Leben, zwischen Schein und Realität, zwischen Spiel und Ernst, zwischen Sein und Nichtsein". Andererseits überträgt er dieses Verhältnis auf die Nazis und den Widerstand gegen sie, oder wie Kathy Laster und Hans Steinert es zuspitzen: "Schauspieler als (falsche) Nazis, Nazis als (schlechte) Schauspieler". Auf diese Weise werden die Machtrituale der Nazis durch die ständige Verdrehung als Bluff entlarvt. Lubitsch bedient sich also der Grundelemente der Komödie, um damit den Widerspruch von Oberfläche und den dahinter liegenden Strukturen zu Bewusstsein zu bringen. Über die Nazis und die zeitgleich zu den Dreharbeiten in Europa tobenden Schrecken, von denen er nur wenig wissen konnte, machte Lubitsch aber keine seichte Komödie, sondern eine mit dem Gewand des Hollywoodunterhaltungsfilm getarnte Satire. Darum betonte er auch gegenüber Kritikern, dass der Film keinen Spaß mit Polen und anderen Naziopfern treibe, sondern den Geist der Nazis und den faulen Nazihumor satirisch auf die Schippe nehme. Er selbst glaubte damit ein wesentlich realistischeres Bild der Nazis zu zeichnen, als es in vielen Romanen, Magazinen und Reportagen zu finden war. Während diese die Deutschen oft als von den Nazis belagert und verführt darstellten, habe er der Legende von einer bloß verhinderten aber eigentlich vorhandenen Widerständigkeit nie geglaubt.
Während viele Anti-Nazi-Filme aus Hollywood aufgrund ihrer Gebundenheit an Genres wie den Thriller und den Gangsterfilm dazu tendierten, die Nazis als das absolut Böse und ganz Andere darzustellen, bzw. zu ihrer Charakterisierung stereotype Darstellungsformen (z.B. die sadistischen Nazis in HANGMAN ALSO DIE!) heranzuziehen, legt TO BE OR NOT TO BE solche Formen durch die Spiel-im-Spiel-Konstruktion seiner Handlung gerade offen. Die satirischen Elemente dienen nicht der Verharmlosung, sondern der Herstellung von Souveränität und Autonomie, auf Seiten der polnischen Schauspieltruppe im Film, die auf diese Weise die Vorgänge sukzessive kontrollieren kann, und vor allem auf Seiten der Zuschauer, die auf diese Weise eine bewusste Haltung gegen die Nazis entwickeln können. In der satirischen Bearbeitung der Nazis, sowohl in TO BE OR NOT TO BE als auch in THE GREAT DICTATOR gelang es Lubitsch und Chaplin schließlich eindrucksvoll, Verhaltensweisen und Strukturen der Naziideologie aufzudecken und anschaulich zu machen, die dieser wesentlich näher kommen, als politische und psychologische Analysen jener Zeit. Etwas von diesem Spirit scheint auch Christoph Waltz aufgenommen zu haben. Seine ambivalent-changierende Interpretation des Nazi-Gentleman Hans Landa in INGLOURIOUS BASTERDS kommt der Wirklichkeit des Naziterrors bei aller Fiktionalisierung, Übersteigerung und Genrespielerei ebenfalls viel näher als die gleichzeitig realisierten nostalgischen Geschichtsfiktionen von DER UNTERGANG bis NAPOLA.

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